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Netiquette in 2021 – was wahr ist, darf man sagen – oder? [Kommentar]

von | Jun 22, 2021 | Basics, Business, Kommentar, Social Media Marketing

10 Minuten durchschnittliche Lesezeit

Wir leben im Jahr 2021 in einer Welt, in der wir frei und offen unsere Meinung sagen dürfen. Wir haben allerdings noch nicht immer gelernt, mit dieser Freiheit umzugehen.

Noch nie im Laufe der Geschichte hatten wir die Möglichkeit uns so großes Gehör zu verschaffen wie heute. Ein paar mal geklickt oder getippt und schon sind unsere 2 Cent in die weiten des Internets geflossen. Das geht so schnell, dass das Denken manchmal erst hinterher kommt. Wir machen uns darüber oft keine Gedanken. Ein Post, ein Kommentar – aus den Augen, aus dem Sinn. Wir vergessen dabei aber, dass das nicht für alle gilt. Unsere Meinung, egal wie kurz, bleibt bestehen – und zwar für immer.

Was wir noch nicht gelernt haben

„Was wahr ist, darf man sagen“ oder auch „Meine Meinung werde ich ja wohl noch sagen dürfen“. Klingt auf den ersten Blick nach einer eindeutigen Antwort. Ja klar, natürlich darf man das. Wir leben in einem freien Land.
Aber so einfach ist es eben nicht.

Denn: Niemand hat nach dieser Meinung gefragt. Es hört sich extrem an, aber überlegen wir, wie die Welt aussähe, wenn das was im Internet passiert, auch analog so stattfinden würde.

Du stehst morgens aus dem Bett auf und jemand steht neben dir und sagt „Wow! Siehst du morgens immer so fertig aus?“, Du gehst zum Kleiderschrank und ziehst dich an und neben dir sagt jemand „Du könntest echt auch mal wieder ein bisschen abnehmen oder?“. Du ziehst deine Lieblingsklamotten an. „Das war doch letztes Jahr Inn, hast du nichts Neueres?“. Du setzt dich an den Frühstücks-Tisch. „Igitt, DAS willst du essen?“. „Was, du isst das nicht alles? In Afrika sterben Kinder“. Klingt übertrieben? Im analogen Leben wird es auch so empfunden. Genau das passiert aber oft online. Egal welche Schritte du machst, jemand steht neben dir und sieht zu. Du schreibst einen Kommentar. „Lern erstmal schreiben. Guten Morgen schreibt man groß“. Du postest ein Foto. „Wieso profilierst du dich immer selbst?“, „Woher nimmst du die Zeit, such dir mal einen richtigen Job“. Du nimmst ein Video auf. „Die Stimme ist ja furchtbar.“, „Da höre ich ein Rauschen im Mikro, das ist echt schlechte Soundqualität“ oder „Informier, dich erstmal bevor du so einen Quatsch redest“. Mal ganz abgesehen von „Du trinkst so viel Wasser? Wasser kann tödlich sein!“.

Man scheint es diesen Menschen nicht Recht machen zu können, selbst wenn man gute Dinge tut. Spendet man für arme Kinder in Deutschland, wird gefragt: „Und was ist mit den Kindern in Afrika?“. Das Ganze hat sogar einen eigenen Begriff. „Whataboutism„.

Diese Art der unsachlichen Gesprächsführung gründet oft auf innere Konflikte der kritisierenden Person und zielt darauf ab, den anderen zu diskreditieren. Für den Absender dieser Kommentare ist es nur ein paar Sekunden. Danach ist alles oft schon wieder vergessen. Für den Kritisierten endet das alles aber im schlimmsten Fall in Selbstzweifel und manchmal sogar Depression.

Und ja, man kann sagen, es sei doch nicht vergleichbar. Im analogen Leben steht ja normalerweise niemand neben dir, wenn du morgens aufstehst und dich anziehst. Es ist aber eines der Merkmale des Internets, dass du für alle sichtbar bist. Was heißt das dann? Wenn du die Meinung anderer nicht erträgst, dann sei eben nicht im Internet präsent? Wollen wir das wirklich? Wie sehe ein Internet aus, in dem nur die präsent sind, die mental fit genug für Anfeindungen sind? Wollen wir wirklich auf die Meinungen, Learnings und Unterhaltung von Menschen verzichten, die eben still, schüchtern oder nicht ganz so taff sind?

Große Macht bringt große Verantwortung

Im Internet haben wir Macht. Jeder einzelne Mensch hat online die Möglichkeit mit seinen Worten zu helfen oder zu schaden. Zu heilen oder zu verletzten. Gutes zu tun oder einen Krieg zu beginnen. Und zwar mit jedem einzelnen Posting, mit jedem 3-Wort Kommentar und jedem Tweet.

Große Macht bringt große Verantwortung mit sich. Wir sollten uns überlegen, ob wir wirklich immer unsere Meinung sagen bzw. schreiben müssen. Was bringt es uns, den anderen offen zu kritisieren und schlecht zu machen?

Wer Recht hat, hat nicht immer das Recht

Manch einer würde sagen, er kritisiere nur, damit der andere es besser machen kann. Genau dieses Recht, hat man als fremde Person aber genau nicht!

Was wird passieren, wenn eine fremde Person an dir vorbei läuft und dich kritisiert ohne, dass du ihn um seine Meinung bittest? Du schämst dich vielleicht, versucht nett zu bleiben, und änderst natürlich schnell dein Verhalten. Was passiert, wenn zehn Menschen an dir vorbei laufen und dir ihre kritische Meinung sagen? Du schämst dich noch mehr und überlegst, ob du überhaupt das tun solltest, was du gerade tust.

Warum hat man als fremde Person dieses Recht nicht? Außenstehende wissen nichts über die Hintergründe. Wo steht der Content-Ersteller gerade? Was macht er durch?
Ist er vielleicht schwer krank? Hat er gerade einen Verlust erlitten? Versucht er gerade, eine Angst zu überwinden?

Stelle dir vor, jemand schreibt unter einem der perfekten Instagram-Welt Fotos den Kommentar „Wow, super aufgeräumt, aber du hast ja auch keine Kinder.“ Ein eigentlich harmlos gemeinter Kommentar, der aus der inneren Betroffenheit des Kommentierenden entsteht. Der Wunsch auf eine ebenso aufgeräumte Wohnung und das vermeintliche Scheitern bei der praktischen Umsetzung. Die Aussage ist absolut intrinsisch motiviert.
Wie aber kommt sie beim Content-Creator an, der keine Kinder bekommen kann und seit Jahren versucht durch künstliche Befruchtung schwanger zu werden? Dessen Ehe daran zu scheitern droht und der es kaum mehr schafft im Alltag zu funktionieren. Das kann sich jeder denken. So wandelt sich eben die Message des Kommentars, sobald sie den Absender verlässt. Von einer harmlosen Aussage zu einem niederschmetternden Kommentar. Der Unterschied zwischen Sender und Empfänger sollte immer im Hinterkopf präsent sein.

Was der eine gut findet

Kritik ist immer subjektiv. Was User A gut findet, findet User B total schlimm. Mit ungefragter Kritik nimmt man also in Kauf, dass sich der andere wegen einer subjektiven Meinung, die man nach wenigen Sekunden vielleicht wieder vergessen hat und die für niemanden etwas verbessert, schlecht fühlt.

Und ja man kann auch sagen: „Es sind nicht alle so. Viele Menschen sind nett und schreiben aufmunternde Worte“. Leider ist die menschliche Psyche da aber anders gestrickt. Ein Schlag unter die Gürtellinie ist nun einmal ein Schlag, auch wenn ihn nur eine Person ausführt.

Was wir anders machen können

Wir haben zwar nicht das Recht jemand wildfremden ungefragt zu kritisieren, aber wir haben das Recht einfach weiter zu scrollen, wenn uns etwas nicht gefällt oder wie es nicht für qualitativ halten. Genau das ist nämlich der einzige Weg, wie ungefragte Kritik überhaupt nur annähernd funktionieren kann. Der Algorithmus lernt „diesen Content mag der User nicht“. Dieser bekommst weniger davon angezeigt und der Ersteller bekommt weniger gute Kennzahlen, woraufhin er seinen Inhalt verbessern kann.

Wir haben nicht das Recht Inhalte, die uns nicht gefallen schlecht zu machen, aber wir haben das Recht Inhalte, die uns gefallen zu loben. Auch hier lernt der Algorithmus und jedem ist geholfen. Der Content-Ersteller bekommt eine Bestätigung und positive Bestärkung, gute Kennzahlen und der User bekommt immer wieder Content der ihm gefällt.

Projektion des eigenen Perfektionismus

Wir dürfen natürlich jetzt nicht den selben Fehler machen und einfach unüberlegt mit dem Finger auf andere zeigen. Vielmehr sollten wir uns fragen: Woher kommt dieses Verhalten? Warum denken wir, dass wir das Recht dazu haben, jemandem der viel Herzblut und Gedanken in eine Sache steckt, ungefragt zu kritisieren?

Einer der Gründe ist die digitale Schein-Welt. Ein Perfektionismus, der in Wirklichkeit gar nicht existiert. Instagram ist voll von perfekt ausgeleuchteten, gestellten und gestylten Fotos, die bestenfalls alle das selbe Design-Schema haben. Wir sind es gewohnt perfekte Postings zu sehen. Auch wenn wir insgeheim wissen, dass die Wirklichkeit anders aussieht (#instaVSreality), versteht unser Unterbewusstsein das nicht. Die Erwartungshaltung liegt hoch. Viele wissen überhaupt nicht, dass viele Content-Ersteller Stunden für nur einen einzigen Post aufbringen. Muss das wirklich so sein? Sollten wir diesen Perfektionismus als Maßstab nehmen? Oder ist es nicht vielleicht egal, ob mal ein Buchstabendreher im Wort ist oder der Himmel eher gräulich?

Das Problem dabei ist, dass viele Menschen diesen Perfektionismus auch bei sich selbst an den Tagen legen. Und was triggert uns am meisten? Das was wir an uns selbst nicht mögen. Wir haben Angst davor Fehler zu machen und etwas nicht richtig zu machen und genau aus dieser Angst heraus, trauen wir uns weniger Dinge zu. Wenn andere sich diese dann doch trauen und dabei eben nicht perfekt sind, wird unser Unterbewusstsein getriggert und wir müssen einschreiten.
Es hilft aber natürlich dem Content-Creator tatsächlich wenig zu wissen, dass der Kritiker in Wahrheit selbst Angst vor Fehlern hat.

Ein weiteres Problem ist, dass viele Menschen nicht wissen, dass Ironie nicht funktioniert. Sie meinen es nicht böse. Sie wollen nett sein und sie verpacken ihre Kritik in ein Zwinker-Emote-Geschenkpapier. Das ist dann nicht so schlimm. Also nicht so wirklich. Ist ja ein Zwinker Emote dabei ;-).
Aber das funktioniert einfach nicht!

Genauso wie unser Unterbewusstsein das Wort „nein“ nicht erfassen kann, kann es das auch nicht mit Ironie. Alles was dort steht, wird genauso aufgenommen wie es dort steht. Emote hin oder her. Und das Tragische ist, genau diese Menschen machen das auch mit sich selbst. Sie scherzen ironisch über sich selbst. „Ach ich mal wieder.“, „Bekomm ich denn irgendwas mal gebacken!?“. Aber auch analog versteht unser Unterbewusstsein keinerlei Ironie und wir reden uns in Wahrheit selbst schlecht.
Auch das hilft dem Content-Creator aber wenig weiter.

Das Internet ist nicht böse

Auch wenn dieser Artikel die Internet-Community sehr kritisch betrachtet, darf nicht vergessen werden, dass die oben beschriebenen Kommentare nur wenige von vielen sind.

Es gibt auch jene Kommentare, die einem die Freudentränen in die Augen treiben. Die einem Hoffnung geben und Selbstvertrauen. Es gibt ganze Tweets unter denen hunderte Menschen für andere wildfremde Menschen beten, Daumen drücken oder mitfühlen. Es ist ergreifend zu sehen, wie sich Menschen, die sich nicht kennen, gegenseitig helfen und sich aufbauen.

Und es gibt einem Hoffnung. Hoffnung, zu sehen wie in einem Life Stream ein gestandener Mann, ein Mann wie ein Bär, ungläubig staunend, Freudentränen weinend, zusammenbricht, weil seine Community ihm gerade freudestrahlend die Summe eines Kleinwagens überreicht, um seine Arbeit der letzten Monate wert zu schätzen.

Es gibt einem Hoffnung zu sehen, dass schüchterne, stille Menschen mit wenig Selbstvertrauen aber viel Talent von der Community gefunden und so lange geteilt und geliked werden, bis sie sich eine Zukunft darauf aufbauen können.

So viele Menschen, die bereits von dem Leben können, was sie mit Leidenschaft erfüllt. Und zwar, weil andere Menschen das gut finden.

Und es zeigt sich auch hier, wie viel Macht jeder einzelne Mensch im Internet hat.

Netiquette in der Zukunft

Wir haben die Zukunft in der Hand und jeder einzelne von uns hat die Macht sie zu verändern. Jeder Like und jeder positive Kommentar zählt. Lasst uns zusammen arbeiten und alles liken was uns gefällt und alles ignorieren, was wir nicht so gut finden.

Wir müssen akzeptieren, dass hinter jedem Content im Internet Menschen stehen, die genauso wenig perfekt sind, wie wir selbst. Denen Fehler passieren können. Und ja, sie merken, wenn ein Fehler passiert, auch ohne, dass es gesagt wird.

Wenn wirklich schlimme Schnitzer passieren, die du unbedingt mitteilen möchtest, dann schreibe doch eine private Nachricht. Sind auf einem Video aus Versehen Konto-Daten oder Adressen geleakt? Könnte etwas schlimme Folgen für den Content-Ersteller haben? Dann schreib ihm und weise ihn höflich und nett darauf hin.

Wir sollten außerdem verstehen, dass nichts öffentliche Kritik verbessern oder abmildern kann. Keine Ironie oder positive Formulierung wird es besser machen.

Wenn wir es schaffen unser Verhalten zu verändern, dann wird es in Zukunft bestimmt viel mehr interessante Content-Ersteller geben. (Vielleicht gehörst auch du bald dazu.) Es wird viel mehr neue Inhalte geben, weil die Menschen sich trauen Dinge auszuprobieren und unsere Kinder müssen weniger Angst vor Cybermobbing haben.

Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie übrigens behalten. 😉

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Über den Autor

B. Sc. BWL/Marketing mit Spezialisierung auf digitale Medien, Consultant im Bereich SEA/SEO, Social Media, Content Marketing, Email-Marketing und Webdesign. Google AdWords Certified.